Rollentausch

Als Schüler besserte er bereits sein Taschengeld in der Schreinerei Spicher auf. Vor drei Jahren hat das Aargauer Unternehmen einen ganz neuen Stellenwert in Samuel Blasers Leben eingenommen.

Zum umfangreichen Portfolio des Aargauer Unternehmens zählt unter anderem das Tischsofa, das von der «RAUM UND WOHNEN»-Leserschaft zum «Möbel des Jahres 2015» gewählt wurde. Design: Stefan Degelo.
Zum umfangreichen Portfolio des Aargauer Unternehmens zählt unter anderem das Tischsofa, das von der «RAUM UND WOHNEN»-Leserschaft zum «Möbel des Jahres 2015» gewählt wurde. Design: Stefan Degelo.

Individuell gefertigte Küchen und Inneneinrichtungen. Massivholz-, Rohstahl- und Gartenmöbel, CNC-gefertigte Einrichtungsobjekte, ja sogar Polstermöbel zählen schon seit einigen Jahren zur vielseitigen Produktpalette der Schreinerei Spicher im aargauischen Brugg. Nichts deutet mehr auf die Holzspielwaren hin, mit denen Markus Spicher im Jahr 1981, direkt nach dem Abschluss seiner Lehre, den Beginn seines Einmannbetriebs einläutete. Doch das umfassende wie abwechslungsreiche Portfolio ist nicht das Einzige, was sich im Laufe der Jahre verändert hat. Auch in der Leitung der Schreinerei, die mittlerweile 30 Angestellte zählt, gab es einen Wechsel. Einen Rollentausch der besonderen Art. Denn Samuel Blaser, seit drei Jahren der neue Inhaber und Geschäftsführer, beendete einst seine Lehre bei Markus Spicher im Betrieb und übernahm nun die Rolle des Chefs, während sich der Firmengründer hingegen noch während zwei Jahren von ihm anstellen liess. Doch die Übergangsphase ist längst vorbei und Samuel Blaser, der bereits zuvor in die Geschäftsleitung involviert war, leitet das Unternehmen mit Souveränität und Routine.
Wie bei einem funktionierenden Uhrwerk die Zahnräder ineinandergreifen, so sind es in der Schreinerei die Kreativität und die Kompetenzen der MitarbeiterInnen; der Austausch ist freundschaftlich und erfolgt auf Augenhöhe. Das ist wichtig, denn die Möbel werden mehrheitlich intern designt, in einem Prozess, an dem sich mehrere Leute beteiligen. «Uns alle verbindet die Leidenschaft für das Handwerk, für natürliche Materialien und gutes, alltagstaugliches Design», erklärt der Geschäftsführer. Das weiss auch die Kundschaft zu schätzen, die zu 60% aus dem Privatbereich und zu 40% aus der Architekturbranche stammt. So kommt es immer wieder zu spannenden Anfragen. Zum Bespiel für eine massgefertigte runde Küche samt Schubladen, die für ein turmähnliches Haus in Braunwald geplant und später installiert werden sollte. Der Transport in das autofreie Dorf erfolgte per Schrägbahn und die Montage ohne einen einzigen rechten Winkel, was auch für die erfahrenen SchreinerInnen eine spannende Herausforderung war. Zwar kommen derart ungewöhnliche Anfragen nicht sehr häufig vor, doch die Nachfrage nach individuellen Ausbauten und Möbeln im Allgemeinen sehr wohl. «Gerade während der letzten zwei Jahre, in denen wir vermehrt Zeit drinnen verbracht haben, stieg das Interesse. Und der Wunsch nach einem gemütlichen Zuhause war – und ist immer noch – deutlich grösser als früher. Nicht zuletzt das Thema Homeoffice spielt eine wichtige Rolle, hier sind oftmals individuelle Ideen gefragt, da nicht jeder über ein eigenes Arbeitszimmer verfügt und dankbar ist für schlaue, platzsparende Lösungen. Darauf sind wir schon seit Jahren spezialisiert, auf massgefertigte Möbel.» Demnach wird der Grossteil der Möbel auf Bestellung produziert und nur ein kleiner Bestand an Standardmöbeln findet sich im Lager. Wie seine KollegInnen ist auch Samuel Blaser ein Designer mit Herzblut, nebst seiner Tätigkeit als Geschäftsführer. «Am stärksten bin ich zwar in den Verkauf bzw. Vertrieb und in die Mitarbeiterführung involviert. Aber ich zeichne den Grossteil der Entwürfe für meine KundInnen immer noch selbst, sogar täglich.» Bereits während seiner Lehrzeit fing er an, Möbelstücke zu designen. Das letzte, das aus seiner Feder stammt, ist das Bett «Tina». Gefertigt werden alle Produkte am Firmensitz in Brugg, von der ersten Skizze bis zum fertigen Möbelstück. Im Showroom auf rund 800 Quadratmetern kann man sich einen Überblick über die Vielfalt und Kreativität verschaffen, die sich in den drei Geschäftsbereichen Küchenbau, Möbelbau und individueller Innenausbau widerspiegeln. Ergänzend zum eigenen Bestand werden hier auch Möbel fremder Marken ausgestellt und vertrieben. Die Designphilosophie «Form follows function» trifft aber auf jedes einzelne Produkt zu, ebenso wie der Fokus auf Nachhaltigkeit. «Zum einen achten wir bereits bei den Materialien darauf, dass sie aus der Schweiz oder zumindest aus Europa stammen. Und durch ein schlichtes, zeitloses Design, das keinen aktuellen Trends folgt, ist auch die Chance, dass ein Möbelstück über mehrere Generationen Verwendung findet, grösser.» Neben weiteren Designprojekten wie einem Regal und einem Kinderbett plant der junge Geschäftsinhaber auch einen neuen Markenauftritt. Womit der Rollentausch in der Schreinerei Spicher auch visuell besiegelt wäre.

SPICHER.CH

Gehört fast schon zur Familie: Samuel Blaser beendete seine Lehre in der Schreinerei Spicher, heute ist er der geschäftsführende Inhaber.
Gehört fast schon zur Familie: Samuel Blaser beendete seine Lehre in der Schreinerei Spicher, heute ist er der geschäftsführende Inhaber.
Bett «Tina» ist der neuste Entwurf des CEO Samuel Blaser, der bereits während seiner Lehrzeit begann, Möbel zu designen.
Bett «Tina» ist der neuste Entwurf des CEO Samuel Blaser, der bereits während seiner Lehrzeit begann, Möbel zu designen.
Wann immer möglich, wird für die Produktion Schweizer Holz verwendet. Alle Produkte sind zu 100% «Made in Switzerland».
Wann immer möglich, wird für die Produktion Schweizer Holz verwendet. Alle Produkte sind zu 100% «Made in Switzerland».

Text: Silja Cammarata
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 05•06/22

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