Savin Couëlle und Sardinien sind untrennbar miteinander verbunden, denn die Bauten des Franzosen werden auch nach dessen Tod im Juni 2020 das architektonische Erbe der italienischen Insel nachhaltig prägen. Wenn es so etwas wie eine sardinische Architektur gibt, hat er sie erfunden. Dabei zwängte der Architekt der rohen Landschaft nie die Geometrie später Feriensiedlungen auf, sondern zähmte sie mit organischen Formen und regionalen Materialien.
Der Badeort Porto Cervo gehört zu den beliebtesten Feriendomizilen Sardiniens. Denn an der Costa Smeralda schimmert das Meer in allen Blautönen und feine weisse Sandstrände laden zum Sonnenbaden ein. Unweit des berühmten Ferienortes am Capo Ferro steht inmitten unberührter mediterraner Natur ein Haus, das seinen Namen «Il Faro» dem nahe gelegenen Leuchtturm zu verdanken hat.
Das Gebäude ist eine von acht Villen, die der französische Architekt Savin Couëlle zu Beginn des Jahrtausends im maddalenischen Stil realisierte. Der Architekt, der zusammen mit seinem Vater das architektonische Erbe der Insel nachhaltig prägte, entwarf «Il Faro» für sich selbst – das Haus bringt seine funktionalen und ästhetischen Vorlieben zum Ausdruck und zeigt alle entscheidenden Merkmale seines Stils auf. Obwohl es im Vergleich zu den prächtigen Wohnhäusern, die er in der Hochphase seines Schaffens entwarf, eher klein ist, finden sich darin all die künstlerischen Ausdrucksformen, Bautechniken und Prozesse, die Savin Couëlle im Laufe der Zeit entwickelte. Das Fehlen von rechten Winkeln beispielsweise, die Liebe zum Detail, die Vielfalt der Materialien oder die harmonische Gestaltung von Stauraum: Savin Couëlle besass einen ganz eigenen Stil, den organische, geschwungene Formen und grob behauene Materialien kennzeichnen. Dabei ist er immer bestrebt, die architektonische Typologie der Insel zu respektieren. Seit den 1960er-Jahren verwirklichte er vermehrt Projekte an der Costa Smeralda. Das Talent wurde Savin Couëlle nicht nur sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Seinem Vater Jaques, selbst exzentrischer Architekt und Freund von Picasso und Dali, verdankt er schon früh den Zugang zu literarischen und künstlerischen Kreisen. Doch während der Vater als Autodidakt seiner Berufung als Architekt folgt, studiert der Sohn in Paris und arbeitet zwischenzeitlich für Filmproduktionen in Madrid, bevor er dem Ruf des Vaters nach Sardinien folgt.
«Il Faro» scheint sich, wie ein kubistisches Kunstwerk, aus vielen Elementen zusammenzusetzen. Das Wohnzimmer öffnet sich an der Südseite über eine grosse Glasschiebetür zum Schwimmbad hin. Im Norden setzt ein Pendant das Meer und den Leuchtturm in Szene. An anderer Stelle entwirft der Architekt bevorzugt kleine Fenster, welche die Aussicht einfangen, während man sich im Haus bewegt. Der Putz im Wohnzimmer weist eine handgeschliffene Oberfläche auf, deren rustikales Aussehen durch ein Relief aus Terracotta verstärkt wird. Decken und Wände zeichnen sich durch geschwungene Formen aus, welche die Architektur von Savin Couëlle typischerweise kennzeichnen. Die Technik entspricht der in den sogenannten Betonhöhlen, die der Architekt in den 1960er-Jahren für das Hotel Cala di Volpe entwickelte.
Couëlle war neugierig auf alles, was ihn umgab und überliess
nichts dem Zufall. So griff er auch in die Entwicklung der wenigen
Einrichtungsgegenstände ein, die wie wandelnde Skulpturen auf den Zentimeter
genau entworfen wurden. Im Wohnzimmer jedoch entschied er sich für das Sofa «On
The Rocks», welches Francesco Binfaré für Edra entworfen
hatte. Wie ein fehlendes Puzzleteil folgt die unregelmässige Form des
Sitzmöbels der Architektur. Selbst sein spezielles Veloursgewebe wirkt
ausgesucht, erinnert es doch an den Granit der Insel, der hier als eine Art
Konsole den grossen Kastanienholzbalken der Decke trägt. Darunter bewegen sich
die einzelnen Reflexionsflächen des Spiegels «Miraggio» mit der Meeresbrise
und erzeugen interessante Lichtspiele.
Organisch gewachsen
Die Treppe führt in die Küche und in Verlängerung weiter ins
Obergeschoss. Ihr Lauf ist eigen, eine Komposition aus verdrehten und sich abwechselnden
Y-Elementen. Ebenso individuell gibt sich das Geländer aus handgefertigtem Edelstahl.
Seines Stils entsprechend entwarf Savin Couëlle es als Original, dessen
Herstellung er persönlich überwachte. Der Küchentisch ist ein echtes Kunstwerk.
Seine solide Basis aus sehr dickem Edelstahl trägt eine klare Glasplatte, deren
unregelmässige Form der Ziegelbank mit den farbigen Kissen folgt. Die Küche ist
klein, aber funktional; an den Wänden wechseln sich Keramik- mit polierten
Serpentino-Fliesen ab. Ein Element aus Wacholderholz, typisch für die Region, trennt
den Koch- vom Essbereich. Für den Aussensitzplatz gibt es eine Durchreiche aus
handgefertigten Feldsteinblöcken, die nicht nur praktische Gründe hat: Die Luke
rahmt das Meer und die Nibani-Inseln.
Drei Stufen führen vom Wohnzimmer ins Hauptschlafzimmer, welches ein Himmelbett aus ockerfarbenem Leinenstoff dominiert. Wer hier liegt, schaut direkt auf den Kamin im Wohnbereich. Wie im Hauptschlafraum werden auch die Gästeräume im Obergeschoss durch die unifarbenen Textilien charakterisiert. Dank ihnen trägt jedes Zimmer eine andere Farbe, die selbst vom Garten aus zu sehen ist
Da der Architekt keine Wiederholungen mochte, sind alle Türen unterschiedlich gross, besitzen jedoch die gleiche Messing-Klinke. Sie ist Savin Couëlle signiertes Markenzeichen, welches er in all seinen Häusern einsetzte. Jedes Schlafzimmer besitzt ein eigenes Bad aus hellem Orosei-Marmor. Das Waschbecken und die Duschwände weisen Dreiecksformen auf, die sich in den Holzmöbeln wiederholen. Auch hier setzte der Architekt seine typischen Gestaltungsmittel ein, die das Wohnhaus sehr individuell erscheinen lassen: Die Ecken sind nicht rechtwinklig, der Marmor ist von Hand geschlagen, Fossilien machen ihn einzigartig.
Savin Couëlle gestaltete nicht nur Innen-, sondern auch Aussenräume. Er gilt als Kenner von Blumen und Pflanzen und setzte diese wie Bühnenbilder in Szene, um seine Bauten zu vervollständigen. Er spielte mit Licht und Schatten, formte die Natur passend zu seinen Häusern und versuchte, visuelle Grenzen zu umgehen. So band er ähnlich wie die Architekten englischer Landschaftsgärten den Leuchtturm und das Meer in seine Gestaltung ein. Was am Ende so leicht und pittoresk aussieht, war harte Arbeit: So liess Couëlle beispielsweise den Boden anheben und den Rasen wellenartig formen. Damit gestaltete er die Natur, die ihm seine Idee von Architektur ja erst vermittelt hatte, nach dem Vorbild des Baus, verbindet beide und kreierte so vielleicht das fehlende architektonische Erbe Sardiniens.
Text: Tiziana Lorenzelli, Bearbeitung: Kirsten Hötterman
Fotos: Matteo Piazza